Prähistorisch

Neue Archaeopteryx-Art identifiziert

 

25.10.2018 - 17:56, dpa

 

Geologe und Eigentümer Raimund Albersdörfer zeigt im Dinosaurier-Freilichtmuseum den Abdruck eines rund 153 Millionen Jahre alten Urvogels Archaeopteryx. Foto: Andreas Gebert

 

Bild: dpa

 

Jahrelang galt der achte Archaeopteryx als verschollen - bis er endlich von einem Paläontologen aufgespürt wurde. Seitdem haben Forscher die fossilen Überreste untersucht und dabei festgestellt: Der Urvogel ist eine Sensation!

 

Die Steinplatte ist nur so gross, wie ein Blatt Papier. Doch der Kalkstein-Fund mit den fossilen Überresten eines Urvogels aus dem bayerisch-schwäbischen Daiting gilt als wissenschaftliche Sensation.

 

Denn Untersuchungen haben ergeben, dass es sich dabei um eine ganz neue Art des Archaeopteryx handelt, die zudem 400'000 Jahre jünger ist, als alle bislang bekannten Exemplare. Sie besitze mehr Gemeinsamkeiten mit heutigen Vögeln, als mit ihren Dinosaurier-Vorfahren, sagte Per Ahlberg von der Universität Uppsala in Schweden. Er war an der Studie beteiligt, die nun im Journal «Historical Biology» veröffentlicht wurde. Besser als in früheren Studien könne man nun schlüssig zeigen, dass der so genannte achte Archaeopteryx ein ursprünglicher Vorläufer der Vögel sei.

 

In der European Synchrotron Radiation Facility (ESRF), einer Grossforschungseinrichtung in Grenoble, war das Fossil untersucht worden - mit einer hochauflösenden Computertomographie. «Es war das erste Mal, dass wir die vielen Knochen und Zähne des Archaeopteryx von allen Seiten anschauen konnten, inklusive ihrer inneren Struktur», sagte der Hauptautor Martin Kundrát von der Pavol Jozef Safárik-Universität im slowakischen Kosice.

 

Mischung aus Dino und Vogel

 

Seine Knochen waren dünner als bei anderen Exemplaren und hatten luftgefüllte Hohlräume. Ausserdem war die Fläche grösser, an der die Flugmuskeln befestigt waren. Die Forscher gelangten deshalb zu der Überzeugung, dass dieser Archaeopteryx besonders gute Fähigkeiten zum Fliegen hatte. Ob er wirklich flog oder nur glitt, ist für sie jedoch noch ungewiss. Ein anderes Team war im März dagegen zu dem Ergebnis gekommen, dass diese Urvögel generell fliegen konnten.

 

Die gefiederten Wesen lebten vor 150 Millionen Jahren und waren eine Mischung aus Dinosauriern und Vögeln. «Er hat flugfähige Federn, hat aber noch einen langen Knochenschwanz», erklärt Daniela Schwarz vom Museum für Naturkunde in Berlin – dazu einen Kiefer mit Zähnen statt eines Hornschnabels. Die Flügel sind schon entwickelt, allerdings noch mit Krallen vorne dran. «Es gibt nach dem Archaeopteryx noch eine Reihe von Vogelvorfahren», sagt Schwarz. Vor 60 Millionen Jahren habe es dann schon richtige Vögel gegeben.

 

Alle zwölf Exemplare des Archaeopteryx, die seit dem ersten Fund 1861 entdeckt wurden, stammen aus der Region um das Altmühltal, dort wo heute die berühmten Steinbrüche von Solnhofen oder Mörnsheim sind. «Hier war der Nordrand des Urmittelmeeres», erklärt der Paläontologe Oliver Rauhut von der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie. «Diese Tiere lebten hier offenbar in einem Inselarchipel in einem tropischen Korallenriffbereich.» Traumhaft – vor allem für Forscher. Denn in den flachen Lagunen war Kalkschlamm, der tote Tiere oder Fische schnell umschloss, so dass sie luftdicht eingebettet waren und versteinerten.

 

Skepsis beim Paläontologen

 

Dass der Daitinger Urvogel nun untersucht werden konnte, ist dem Paläontologen Raimund Albersdörfer zu verdanken. Ein Fossiliensammler hatte das wertvolle Stück 1990 entdeckt. Danach galt es jahrelang als verschollen und lagerte viele Jahre in einem kleinen Dorf in Bayern. 1996 tauchte der Urvogel als Kunststoff-Abguss in einer Ausstellung in Bamberg auf. Die Forscher waren begeistert, doch die Reproduktion war bald darauf wieder spurlos verschwunden, ebenso wie das Original.

 

Albersdörfer blieb hartnäckig. «Ich habe ewig nachrecherchiert», erinnert sich der 53-Jährige. Weil er als Fossilienhändler in der Szene gut vernetzt war, fand er eine heisse Spur und konnte den Urvogel 2008 endlich kaufen. «Ich fand es cool, einen Archaeopteryx zu besitzen.» Bei den Mineralientagen 2009 in München erregte er mit seiner Errungenschaft grosses Aufsehen. Anschliessend stellte er seinen Schatz der Wissenschaft zur Verfügung stellen. Die Forscher dankten es ihm und nannten die neue Art Archaeopteryx albersdoerferi.

 

Forscher Rauhut ist allerdings skeptisch, ob es sich tatsächlich um eine neue Art handelt. Beim Archaeopteryx habe man noch ein sehr schlechtes Verständnis der Unterteilung in Arten, sagt der Paläontologe. Das Daitinger Exemplar sei zudem mit einer extrem detaillierten Computertomographie untersucht worden. Die Frage sei, was man finden würde, wenn man die anderen genauso untersuchen würde.

 

Albersdörfer will sein wertvolles Fossil in wenigen Tagen öffentlich zeigen, im Dinosaurier-Museum Altmühltal im oberbayerischen Denkendorf, wo gerade eine Ausstellung über Flugsaurier läuft. Dann können sich die Besucher selbst ein Bild von dem Fossil machen, über das die Forscher sagen: Der Archaeopteryx albersdoerferi sei einer der geheimnisvollsten Urvögel.

 

 

 

Archaeopteryx konnte fliegen

 

14.3.2018 - 15:16, dpa

 

Das undatierte Foto zeigt einen versteinerten Archaeopteryx, der im bayerischen Altmühltal gefunden wurde. Foto. Helmut Tischlinger/pr munichshow Foto: Helmut Tischlinger

 

Bild: Helmut Tischlinger

 

Vor gut 150 Jahren wurde das erste Fossil eines Archaeopteryx in einem Steinbruch bei Solnhofen entdeckt. Seitdem rätseln Experten darüber, ob der gefiederte Urvogel fliegen konnte oder nicht. Nach einem tiefen Blick in seine Knochen sagen Forscher: Ja, er konnte.

 

Der Archaeopteryx konnte fliegen. Er erhob sich durch aktives Flügelschlagen in die Luft und konnte so vor Feinden fliehen oder über Hindernisse hinwegflattern. Allerdings nutzte er eine etwas andere Flugtechnik als moderne Vögel.

 

Das berichtet ein internationales Forscherteam nach der Untersuchung fossiler Überreste des Urvogels mit einer hochauflösenden Computertomographie. Es stellt sein Ergebnis im Fachblatt «Nature Communications» vor.

 

Der erste fossile Überrest eines Archaeopteryx - eine einzelne Feder - wurde 1860 in Solnhofen entdeckt. Ein Jahr später folgte ein erster Skelettfund. Bis heute sind insgesamt zwölf mehr oder weniger vollständige Fossilien beschrieben worden. Archaeopteryx lebte vor etwa 150 Millionen Jahren, alle Funde stammen aus der Gegend des heutigen Bayern. «Damals war die Region ein subtropisches, flaches Randmeer», erläutert Martin Röper, Leiter des Bürgermeister-Müller-Museums Solnhofen, der an der Studie beteiligt war. «Europa, wie wir es kennen, war geflutet, abgesehen von einigen Inselkernen. Es gab lagunenartige Becken und Korallenriffe.»

 

Der Urvogel vereinte Merkmale der Vögel und der Saurier: Er hatte Federn und Flügel, aber auch Zähne und eine lange Schwanzwirbelsäule wie die Dinosaurier. Er war etwa so gross wie eine Elster. Ob er fliegen konnte oder nicht, war bisher unter Fachleuten umstritten. Einige nahmen an, dass das Federkleid eher der Balz und dem Schutz vor Kälte diente und der Urvogel sich vielleicht hüpfend fortbewegte oder allenfalls passiv von Bäumen gen Boden glitt. Andere vermuteten, dass er zumindest in Grundzügen aktiv flugfähig war.

 

Ein Problem bei der Klärung der Frage bestand darin, dass die Fossilien sehr kostbar sind und bei Untersuchungen nicht zerstört werden dürfen. Die Wissenschaftler um Dennis Voeten von der European Synchrotron Radiation Facility (ESRF), einer Grossforschungseinrichtung in Grenoble, durchleuchteten nun Fossilien von drei Archaeopteryx-Exemplaren mit einer speziellen Tomographie-Methode. Auf diese Weise konnten sie zerstörungsfrei den inneren Aufbau der Knochen untersuchen.

 

«Der Clou bei dieser Technik ist, dass das Objekt während der Aufnahme rotiert», so Röper. Die Knochen würden von allen Seiten durchleuchtet, am Rechner könnten die Aufnahmen zu Längs-und Querschnitten zusammengesetzt werden, auch schräge Schnitte seien möglich.

 

Auf diese Weise fanden die Wissenschaftler heraus, dass die Flügelknochen im Querschnitt denen moderner Vögel ähnelten. «Wir sahen sofort, dass die Knochenwände bei Archaeopteryx viel dünner waren als die von am Boden lebenden Dinosauriern, aber sehr denen von konventionellen Vögeln ähnelten», erläutert Voeten. «Datenanalysen zeigten weiter, dass die Archaeopteryx-Knochen am ehesten denen von Vögeln wie Fasanen glichen, die gelegentlich durch aktiven Flug Hürden überwinden oder Feinden entwischen, aber nicht solchen Vögeln, die lange Zeit durch die Luft segeln oder gleiten wie viele Raubvögel oder einige Seevögel.»

 

«Damit ist zum ersten Mal klar, dass der Archaeopteryx aktiv fliegen konnte», sagt Röper. Er habe vermutlich nicht nur flüchten, sondern auch von Insel zu Insel fliegen können. Die Untersuchung werde die Diskussionen um die Flugfähigkeit der Tiere beenden, glaubt der Paläontologe. Stattdessen dürfte sich die Forschung jetzt auf den Flugstil der Urvögel konzentrieren. Der war mit dem heutiger Vögel wohl nicht zu vergleichen, etwa im Hinblick auf Flügelschlag und Körperhaltung. «Vor allem der Aufbau seines Brustbeins und der Schulterstruktur ist mit dem Flug moderner Vögel unvereinbar», erläutert Röper. Insbesondere die Drehbewegung der Flügel beim Schlagflug heutiger Flügel sei damit nicht möglich.

 

Der Archaeopteryx ist nicht der direkte Urahn aller heute lebenden Vögel, wie Röper erläutert. Er war einer von mehreren Arten gefiederter, vogelartiger Raubsaurier, aus denen später die Vögel hervorgingen.

 

Noch vor den Vögeln waren Flugsaurier die ersten fliegenden Wirbeltiere. Sie nutzten zwar Flughäute, verfügten dennoch womöglich über ein Federkleid. Ein aktueller Fossilienfund stellt die Sauriertheorien vor neue Fragen.

 

Federn entwickelten sich im Verlauf der Evolution womöglich früher als bisher angenommen. Zu dieser Annahme ist ein internationales Forscherteam nach einer Untersuchung von zwei recht gut erhaltenen Flugsauriern aus China im Fachmagazin Nature Ecology & Evolution gelangt. Die Wissenschaftler entdeckten auf dem Körper des Flugsauriers Anhänge, die in Form und Aufbau Federn stark ähneln. Sie dienten bei den Reptilien vermutlich unter anderem der Wärmeregulierung und der Wahrnehmung und hatten einen positiven Effekt auf die Aerodynamik.

 

Mehrere Federvarianten

 

Flugsaurier tauchten vor rund 225 Millionen Jahren auf, es gab sie etwa 160 Millionen Jahre lang bis zum Ende der Kreidezeit. «Es gibt nur wenige Fossilien von Flugsauriern», sagte der Wissenschaftler Brooks Britt von der Universität Brigham Young in Utah der Nachrichtenagentur AFP nach einem Fossilienfund in den USA im August 2018. Die Knochen der Tiere seien sehr empfindlich, um leicht genug fürs Fliegen zu sein, weshalb sie meist nicht gut erhalten seien. Die Forscher um Zixiao Yang von der Nanjing University in China haben nun zwei besser erhaltene Flugsaurier untersucht, die vor 165 bis vor 160 Millionen Jahren auf dem Gebiet des heutigen Chinas gelebt hatten.

 

Künstlerische Darstellung eines gefiederten Flugsauriers.

 

Bild:  Yuan Zhang/Nature Ecology & Evolution

 

Dort sind mehrere Federvarianten an verschiedenen Körperstellen in unterschiedlicher Ausprägung verhanden. An Rumpf und Flügeln vorkommende Spielarten könnten die Zugkräfte abgeschwächt und so die Windschnittigkeit der Saurier beim Fliegen erhöht haben, ähnlich wie bei den heutigen Fledermäusen. Diejenigen Federformen, die in hoher Zahl vor allem im Nacken- und Schulterbereich, an den Hinterbeinen und am Schwanz zu finden waren, unterstützten womöglich die Regulation der Körpertemperatur wie ein Unterfell.